Polzin gewinnt 14. Offenes Schnellturnier

von am 20. Mai 2012 in Nachrichten, Offenes Schnellturnier

Polzin gewinnt 14. Offenes Schnellturnier

Ode an das Alter

Da geht einer an einem herrlichen Sonntag in das Schöne­berger Rathaus, um mehr oder weniger gepflegt und unauf­fällig Steine umher­zu­schieben und nun das: Rainer gewinnt das Turnier, und als hätte es nicht noch schlimmer kommen können: eine Ode an das Alter muss her. Kein Wider­stand möglich, allein der locus des Paktes (oder ist es gar ein Vertrag?) lässt keinen Ausweg: „Platz­Hirsch“, ein Biergarten unweit des Rathauses. Wenn es denn wenigstens eine an die Freude wäre, da müsste ich nur abkupfern („Freude schöner Götter­funken, Rainer ins Elysium“), aber nun ja, den Beetho­ven­fest­spielen Anfang Juni darf nicht Konkurrenz gemacht werden, und Freude kam bei meinen Partien erst recht keine auf, da passt das schon mit dem Alter ..., also Schiller, ab ins Regal und grübeln. In der Hoffnung auf eine andere pfingst­liche Eingebung, gewis­ser­maßen eine Geist­aus­gießung, kam jedoch bislang nur ein Rinnsal an Esprit. Aber ich halte es, leicht abgewandelt mit Hölderlin, über die Verfer­tigung der Gedanken beim Schreiben. Dennoch bleibt es heikel mit der „Ode an das Alter“. Mit Schrecken musste ich regis­trieren, dass mir nach einge­hender Recherche ein gewisser Rolf zuvor­ge­kommen ist und zwar mit der bahnbre­chenden  Erkenntnis: „Rein biolo­gisch gesehen erscheint das Alter als Niedergang. Die Körper­kräfte nehmen ab, indessen braucht dem keineswegs ein geistiger Niedergang parallel zu gehen; im Gegenteil, viele der bedeu­tendsten Kultur­leis­tungen sind von Menschen in hohem Alter vollbracht worden. In den Wissen­schaften und Künsten sind viele der bedeu­tendsten Werke von Greisen geschaffen worden, und man kann von einem typischen Altersstil sprechen, der sich überein­stimmend von den früheren Werken der gleichen Meister unter­scheidet.“

In der Tierwelt, spezi­eller bei unseren Anver­wandten, den Gorillas (danke Mark, daran werde ich nun künftig immer denken müssen, wenn wir uns sehen) ist das einfacher, der „Silber­rücken“ bekommt ohne viel Feder­lesens gleich das Preisgeld und die Weibchen. Im Rathaus Schöneberg wäre das aller­dings eine mickrige Ausbeute gewesen, 93 Teilnehmer, überwiegend männlichen Geschlechts, buhlten um die alljähr­liche Krone des Schnell­tur­niers der Schach­freunde und um das üppige Preisgeld (Achtung: Ironie).

Es schielten nicht wenige und zugege­be­ner­maßen auch nicht schlechte Spieler darauf, sich den Berlin-Aufenthalt mit einem kleinen Taschengeld ein wenig zu versüßen, darunter auch der ehemalige Jugend­welt­meister und ehemalige deutsche Meister Arik Braun und kein gerin­gerer als Georg Meier, der noch durch seinen fulmi­nanten Sieg gegen Movsesian einen großen Anteil am Erfolg der deutschen Mannschaft beim Gewinn der Europa­meis­ter­schaft hatte. Aber auch die Berliner Lokal­größen (Robert Rabiega, René Stern, Atila Figura, Dirk Paulsen u.a.) waren vertreten, daneben unsere Bundes­li­ga­spieler Martin Krämer, Ilja Schneider und Lars Thiede. Es wäre also kaum eine Überra­schung gewesen, hätte der Sieger Georg Meier oder Martin Krämer (beide Jahrgang 87), Ilja Schneider (Jg. 84) oder Arik Braun (Jg. 88) geheißen, aber es kam ganz anders.

In Runde sieben befand sich Silber­rücken Rainer Polzin (Jahrgang 17, oder war es anders herum?) gegen den aufstre­benden Jung-Gorilla Arik Braun mit dem Rücken zur Wand, oder gorri­la­tech­nisch: mit dem Hintern zum Baum. Zeitlich mit über einer Minute im Rückstand in schwie­riger und kompli­zierter Stellung. Dummer­weise stand ihm nicht das notwendige Drohpo­tential zur Verfügung, (Brust­trommeln, Zähne­blecken) und so war es faszi­nierend anzublicken, wie - dem typischen Alterstil angemessen - Rainer nahezu shiva­hafte Züge annahm. Shiva werden drei Augen und vier Arme nachgesagt, bei Rainer müssen es noch mehr gewesen sein, kaum wurde ein Zug ausge­führt, drückte ein anderer Arm bereits die Uhr, geführt leicht­händig wie ein einer Choreo­grafie von Neumeier, und viele Augen loteten die Untiefen der Stellung aus. Der arme Arik Braun stellte daraufhin seine Dame ein und verlor fast noch auf Zeit, aber am Ende stand die Punkte­teilung.

In der vorletzten Runde kam es dann zu einem Blitzsieg von Jakob Meister, der mit nunmehr 7 aus 8 Punkten in Führung ging. Im Verfol­gerfeld hatte es Lars Thiede gegen Georg Meier zu tun, der Baden-Badener Spitzen­spieler hatte Vorteil, wollte zu viel, überzog die Stellung und musste kapitu­lieren. Im Vereins­duell spielte Rainer Polzin nunmehr gegen einen weiteren aufstre­benden Spieler, Martin Krämer, konnte dessen Königs­an­griff abwehren und behielt am Ende die Oberhand, um mit 6,5 Punkten das Verfol­gerfeld anzuführen.

In der letzten Runde kam es also zum Treffen zweier Silber­rücken: Rainer Polzin mit den weißen Steinen gegen Meister (zugebe­ner­maßen wird hier beim Leser oder der Leserin ein hohes Abstrak­ti­ons­ver­mögen einge­fordert, wer je den Gorilla Ivo im Berliner Zoo erlebt hat, denkt nicht gleich an Meister, aber die Haarfarbe könnte immerhin passen). Um dieses Spektakel nicht zu verpassen, nutzte ich die glück­liche Fügung, mich mit Schach­freund Olaf Ritz auf ein Remis zu einigen, der seinen Zenit an diesem Tag mit einem Sieg über René Stern bereits erreicht hatte und des Kampfes müde war. Aller­dings beginn ich einen fatalen Fehler, mich mit einem Kaffee zu versorgen, der in einem Hauch von (Plastik-)Nichts kredenzt wurde und bei jeder leich­testen Berührung die Gefahr eines kleinen materi­al­be­dingten Geräu­sches barg. Und so geschah es und so konnte ich mich höchst­selbst von den überaus gewal­tigen Drohge­bärden des Silber­na­ckens überzeugen. Glück­li­cher­weise ließ er diese an Meister aus und fing ihn noch ab.

Nachdem Lars Thiede und Arik Braun sich auf ein schnelles Remis geeinigt hatten, was ihnen jeweils 7 Punkte als Endre­sultat bescherte, stand Rainer damit mit 7,5 aus 9 als Sieger fest. Also ein voller Erfolg für die Schach­freunde. Auch Fernando Offer­manns gutes Abschneiden möchte ich erwähnen, der bis zur siebten Runde in der Spitzen­gruppe spielte, aber gegen Georg Meier dann doch einen zu schweren Brocken bekam. Letzerem dürfte es freilich nicht häufig wider­fahren, in der letzten Runde eines neunrun­digen Turnieres auf einen Gegner (Fredrik Polenz mit DWZ 1767) mit fast 1000 ELO-Punkten Unter­schied zu treffen ... aber wie gesagt, bei diesem Turnier lief alles anders als gedacht und so höre ich lieber auf die innere Stimme von MC WolfRAM: Ey alder, ne ode is öde.

Alle Ergeb­nisse auf chess-results (auf „Turnier­de­tails anzeigen“ klicken).

 

14. Offenes Schnell­turnier der Schach­freunde Berlin 1903 e.V.
Endstand nach 9 Runden
Rg. Name FED Elo Wtg1 Wtg2 Wtg3 n w we w-we K rtg+/-
1 GM Polzin Rainer GER 2443 7,5 51,5 445 8 6,6 0,9 0 0
2 GM Braun Arik GER 2543 7 56,5 444 7 7,2 -0,2 0 0
3 GM Meister Jakob GER 2429 7 53,5 448 6 5,4 0,63 # 6,3
4 IM Thiede Lars - 2394 7 51 449 6 5,4 0,57 0 0
5 GM Rabiega Robert GER 2458 7 49,5 426 7 7,4 -0,4 # -3,9
6 Figura Atila Gajo GER 2334 7 49 426 5 4,3 0,69 0 0
7 IM Krämer Martin GER 2491 6,5 55,5 442 7 6,8 -0,3 0 0
8 IM Lagunow Alexander GER 2389 6,5 53 437 7 6,2 0,29 0 0
9 GM Meier Georg GER 2668 6,5 52,5 436 7 7,9 -1,4 # -14
10 FM Paulsen Dirk GER 2341 6,5 52 440 7 6,2 0,35 0 0
11 Lerch Philipp GER 2114 6 51 419 6 3,4 2,57 0 0
12 IM Stern Rene GER 2508 6 48,5 399 6 7,8 -1,8 # -18
13 Sawlin Michail GER 2063 6 48 421 6 5,1 0,86 # 12,9
14 CM Gallien Fabian GER 2181 6 48 411 6 5,5 0,51 0 0
15 Krefen­stein Sergej GER 1996 6 47,5 400 4 2,4 1,64 # 24,6
16 Jeremic Dusan GER 2083 6 46,5 410 4 4,1 -0,1 # -1,5
17 Major Vitalij GER 2077 6 45 391 6 5,9 0,11 # 1,6
18 Groß Thorsten GER 2089 6 39,5 383 6 6,1 -0,1 # -0,8
19 Schnabel Ralf GER 2178 5,5 51,5 418 5 2,6 1,88 0 0
20 Offermann Fernando GER 2103 5,5 51 410 5 3,2 1,31 0 0
21 Püschel Werner GER 2045 5,5 48,5 400 6 4,7 0,78 0 0
22 Polenz Fredrik GER 1767 5,5 46,5 410 4 1,3 2,25 0 0
23 IM Schneider Ilja GER 2468 5,5 45,5 413 6 8,1 -2,6 0 0
24 FM Postler Reinhard GER 2190 5,5 45,5 402 5 5,6 -1,1 # -17
25 Gebigke Martin GER 2072 5,5 43 369 6 6,4 -0,9 0 0
26 Hoffmann Rainer GER 2085 5,5 41,5 372 6 5,4 0,08 # 1,2
27 Shapiro Yosip GER 1949 5,5 40,5 376 4 3,3 0,24 0 0
28 Ritz Olaf GER 2034 5 51,5 412 4 2,3 1,7 0 0
29 Kues Hendrik GER 2078 5 49,5 392 5 4,6 0,45 0 0
30 Uhl Heinz GER 2026 5 49 410 2 2,1 -0,1 # -1,2
31 Tschauner Klaus GER 2000 5 48,5 397 3 1,9 1,06 0 0
32 Allgaier Erik GER 1948 5 46 389 3 3,3 -0,3 # -5,1
33 Hüls Marco GER 2024 5 44 369 4 3,9 0,08 0 0
34 Phillipe Vu - 2000 5 43,5 379 4
35 Segerberg Tomas GER 1988 5 43 375 4 3,7 0,29 0 0
36 Heerde Thomas GER 1900 5 42 391 3 2,2 0,76 # 22,8
37 Solhjou Mohammed Hassan GER 1893 5 41,5 393 4 2,9 1,08 # 32,4
38 Burck­hardt Wolfram GER 2023 5 41 387 5 4,7 0,31 0 0
39 Gebert Ralf GER 1873 5 41 386 3 3 0,04 0 0
40 Gretzer Marcus GER 1805 5 40 382 4 3 1,01 0 0
41 Lukas Wilmar Prof  Dr GER 1737 5 39,5 371 4 3,6 0,4 # 6
42 Oelmann Henry - 1935 5 37,5 358 4 4,5 -0,5 0 0
43 Vogel Tobias GER 1913 5 35,5 358 4
44 Gädke Peter GER 1889 5 31,5 345 4 4,4 -0,4 # -11
45 Triebus Bruno GER 1909 4,5 45,5 381 4 2 1,53 0 0
46 Lawrenz Sebastian - 1636 4,5 42 373 3
47 Lindhauer Thorben GER 1813 4,5 42 367 3
48 WFM Skogvall Martina - 1936 4,5 40 355 2 2,6 -1,1 0 0
49 Schimmel Roland GER 1931 4,5 36,5 364 2 2,1 -0,6 0 0
50 Krueger Robin-Kevin GER 1421 4,5 36 343 3 1,5 1,46 0 0
51 Jung Hans Dr. GER 1941 4,5 33 337 2 3,8 -1,8 # -54
52 Wierz­bicki Jan-Daniel FIN 1972 4 46,5 370 2 3 -1 0 0
53 Hahlbohm Matthias GER 2023 4 45,5 377 2 4,4 -2,4 0 0
54 Noetzel Felix GER 2057 4 42,5 362 3 4,8 -1,8 0 0
55 Nguyen Anh-Tu - 1766 4 41 352 3
56 Hoffbauer Joerg GER 1725 4 39,5 360 2 2,6 -0,6 # -18
57 Alihodzic Ahmo BIH 1765 4 39,5 353 2 2,5 -0,5 0 0
58 Schmalzried Volker GER 1747 4 39 365 2 2,4 -0,9 # -14
59 Hohn August GER 1925 4 37,5 365 2 3,5 -2 0 0
60 Hübner Alan-Ari GER 1815 4 37 344 2 2,5 -0,5 0 0
61 Gebigke Lena GER 1455 4 36,5 344 2
62 Koch Elisabeth GER 1645 4 36,5 334 2 2,2 -0,2 # -6,3
63 Uckar Klaudijo GER 1750 4 36,5 331 2 3 -1 # -14
64 Bender Sebastian GER 1747 4 36 355 2 2,4 -0,4 0 0
65 Lange Ingo GER 1718 4 35,5 362 2
66 Cobanov Ante GER 1644 4 33,5 348 2 3,4 -1,4 # -21
67 Nguyen Thuy Anh - 1170 4 29 318 2
68 von Münch­hausen Jörg GER 1504 3,5 38,5 332 3 2,4 0,11 0 0
69 Siegler Silvio - 0 3,5 38 315 2
70 Wierz­bicki Jirawat GER 1578 3,5 37,5 349 3 1,2 1,33 0 0
71 Blasig Thomas GER 1477 3,5 37 337 3 1,3 1,25 0 0
72 Schreiber Ben-Luca GER 1427 3,5 37 324 2 1,9 -0,4 # -12
73 Geldner Gerrit GER 1676 3,5 36 314 1 1 -0,5 0 0
74 Minkov Boris GER 1301 3,5 30 334 0
75 Stark Steven GER 1215 3,5 30 324 0 0,6 -0,6 # -9,3
76 Schüler Friederike Lina GER 1042 3,5 30 284 1
77 Hüls Maximilian GER 1438 3,5 29,5 326 1
78 Schnabel Bennett GER 1636 3 38,5 337 2 1,1 0,87 0 0
79 Belenkij Juri RUS 1486 3 35,5 328 2 1,2 0,76 # 22,8
80 Poeltelt Helmut, Dr. GER 1567 3 33 314 0 1,6 -1,6 0 0
81 Knispel Stefan GER 1626 3 32 331 2
82 Gencaslan Ogus GER 1422 3 32 330 1 1,4 -0,4 # -11
83 Ulrich Chris­topher GER 1215 3 31 311 0 1 -1 0 0
84 Jaehne Konstantin GER 1385 3 30,5 322 1
85 Rieth Matthias GER 0 3 23,5 262 0
86 Rac Andre GER 0 2,5 37 331 2
87 Rieth Kilian GER 0 2,5 34,5 276 1
88 Moeller Dirk GER 1524 2,5 34 303 1 0,6 0,44 0 0
89 Do Duc Tiem GER 915 2,5 30 261 0
90 Abdel Aziz Bassel GER 0 2,5 28,5 269 1
91 Granzin David - 1056 2 31,5 290 1
92 Gölling Stefan GER 768 2 26,5 259 0
93 Glaser Andre GER 0 1 26,5 262 0

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1 KommentarKommentieren

  • Theo Heinze - 29. Mai 2012 Antworten

    Schöner Bericht, vielen Dank!

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